Svenja

Die Geburt:


Viele Frauen fürchten sich vor der Geburt. Wird es sehr schmerzhaft werden? Halte ich das alles überhaupt aus? Wie lange wird es dauern? Ist es gut, wenn mein Partner dabei ist? Kann ich Untersuchungen und Eingriffe ablehnen? Werden viele fremde Menschen anwesend sein?


Viele Fragen können nicht pauschal beantwortet werden. Menschen sind unterschiedlich und empfinden die Geburt und den Geburtsschmerz anders.

Fragen zum Ablauf der Geburt und Herangehensweisen des Krankenhauses stellt ihr am besten dem verantwortlichen Personal selbst. Erst wenn alle Zweifel und Fragen für euch geklärt sind könnt ihr euch ganz auf die Geburt konzentrieren.

Zu der Frage ob es gut ist, wenn euer Partner bei der Geburt dabei ist. Gibt es einen berühmten Satz der die Situation sehr gut beschreibt:


If you can't shit in front of him he shouldn't be at birth!

Das erklärt es recht gut. Wenn ihr euch in der Gegenwart eures Partners gehemmt fühlt, ihr das Gefühl habt ihr müsst eine Fassade aufrechterhalten, wird die Anwesenheit eures Partners höchstwahrscheinlich eher kontraproduktiv sein.

Das Schließmuskelgesetz:

Stuhlgang und ein Kind zu gebären sind beides Ausscheidungsvorgänge in denen das Schließmuskelgesetz herrscht.
Wenn ihr nicht loslassen und euch nicht entspannen könnt, können auch die Schließmuskel nicht locker lassen.
Das ist aber ein notwendiger Vorgang sowohl für den Stuhlgang als auch um ein Kind zu gebären.
Damit der Körper ordentliche Wehen produzieren kann, müsst ihr euch komplett fallen lassen können.


Oxytocin:

Oxytocin, das Wehen bildende Hormon kann nur gebildet werden, wenn ihr euch sicher und geborgen fühlt.
Genauso wie beim Geschlechtsverkehr. Auch hier wird Oxytocin gebildet.
Alles was euch beim Geschlechtsverkehr irritiert (Zeitdruck, eventuelle Zuseher, bestimmte Gerüche, ...) wird euch auch bei der Geburt irritieren und sich kontraproduktiv auf die Wehentätigkeit auswirken.
Deswegen ist es wichtig sich im Vorfeld zu überlegen, was ist mir wichtig für die Geburt? Welchen Rahmen benötige ich für diesen intimen Prozess? Und was möchte ich auf keinen Fall.

Jede Situation die euren Neokortex bei der Geburt aktiviert wird eure Wehen hemmen. Das heißt, jeder Gedanke an, was wird er sich vielleicht jetzt denken, ich möchte nicht dass er mich unten sieht, ständig wechselndes Personal oder auch ganz banale Dinge wie ein Gespräch in dem ihr euch konzentrieren müsst und euer Intellekt gefragt ist aktiviert euren Neocortex und kann eure Wehen hemmen.

Bleibt so lange wie möglich zu Hause:

Deswegen empfehlen die meisten Hebammen so lange wie möglich zu Hause zu bleiben bis man regelmäßige Wehen in kürzeren Abständen hat und erst dann ins Krankenhaus los zu fahren. Oberste Priorität hat, dass ihr euch wohl dabei fühlt.
Dann ist die Wahrscheinlichkeit einer wehenhemmenden Situation geringer, da Frauen bei ca. 7 cm Muttermund Öffnung in eine Art Trance fallen und kaum etwas von ihrem Umfeld mitbekommen.
Das ist der richtige Moment um sich auf den Weg zu machen.
Wir sind bei 2 min Wehenabstand ins Geburtshaus losgefahren.
Unsere Tochter kam 6 Stunden später zur Welt.

Der Geburtsschmerz:

Der Geburtsschmerz gehört zu einer Geburt dazu. Erzählungen gehen von einem sehr starken Druck über ein raues, wundes Gefühl, zu starken menstruationsähnlich, krampfartigen Schmerzen. Aber wie oben erwähnt empfindet jede Frau den Geburtsschmerz anders. Eines ist aber sicher:

Ihr werdet nicht durchgehend Schmerzen haben. Wehen beginnen meist in einem größeren Abstand von 5 bis 8 Minuten. Das heißt ihr habt ca. alle 8 Minuten eine Wehe von ca. einer Minute und dann wieder 8 Minuten Pause. Nach und nach werden die Wehen regelmäßiger werden. Ihr werdet trotzdem immer wieder Wehenpausen haben. Selbst in der Austreibungsphase, wenn ihr Presswehen habt, habt ihr immer Wehenpausen in denen ihr und das Baby Kraft tanken könnt. Zumeist sieht es dann so aus. Eine Minute Wehen und eine Minute Wehenpause.
Wie ihr den Geburtsschmerz erleben werdet hat nichts damit zu tun wie ihr im alltäglichen Leben mit Schmerzen umgeht.


Becken und Köpfchen:
Der Geburtsschmerz hat einen Sinn. Durch den Druck des Köpfchen des Babys spürt die Mutter ganz genau welche Position sie einnehmen muss damit ihr Becken noch ein bisschen weiter werden kann und ihr Kind besser durch den Geburtskanal passt.
Würde es diesen Geburtsschmerz nicht geben (auch bei einer PDA der Fall), müsste das Baby komplett alleine diese Aufgabe meistern und es wäre mit viel mehr Stress und Anstrengung für das Baby verbunden.
Deswegen ist auch eine aufrechte Geburtsposition von Vorteil.

Geburtspositionen:
In der tiefen Hocke, kniend, auf dem Geburtshocker, stehend, kniend auf einem Sessel gestützt, hockend in einem Tuch hängend, hockend vom Partner hinten gehalten, kniend in der Geburtswanne,...
Bei diesen Geburtspositionen weitet sich das weibliche Becken um bis zu 25% und somit kann das Baby den Geburtskanal besser passieren.
Zudem ist dadurch der Druck auf den Damm geringer und es kommt seltener zu Geburtsverletzungen. Hinzu kommt, dass in der Rückenlage das Baby unphysiologisch aufwärts gepresst werden muss und das, in den Geburtskanal ragende Steißbein, diesen ohnehin schon schweren Prozess, erschwert.

Dauer einer Geburt:

Wie lange eine Geburt dauert kann sehr unterschiedlich sein. Bei Erstgebärenden sind 11 bis 18 Stunden keine Seltenheit und kein Grund zu intervenieren. Es kann aber auch kürzer oder länger dauern.
So wie es Mutter und Baby benötigen.

Auch die Austreibungsphase mit ihren Presswehen kann von ein paar Presswehen über mehreren Stunden gehen. Ich hatte bei meiner Tochter 3,5 Stunden Presswehen.


Interventionen:
Leider machen es die häufige Krankenhausroutine und Personalmangel kaum möglich, einer Gebärenden so viel Zeit einzuräumen. Krankenhäuser werden nicht nach Zeitaufwand sondern pauschal bezahlt. Für eine natürliche Geburt werden rund 5 Stunden veranschlagt. Viel zu wenig für eine Erstgebärende.
Sehr schnell wird dann von einem Geburtsstillstand gesprochen und begonnen zu intervenieren.
Ein Wehentropf muss angehängt werden damit die Geburt schneller voranschreitet, die Gebärende soll liegen bleiben damit ein Dauer CTG angeschlossen werden kann, die Fruchtblase wird eröffnet oder der Muttermund manuell aufgedehnt. Dann benötigt die Gebärende aufgrund der künstlich beschleunigten Wehen eine PDA (Kreuzstich), da diese Wehen meistens viel stärker als natürlich Wehen sind.
Zumeist ist das alles nicht notwendig und wenn man Mutter und Kind die nötige Zeit geben würde könnten diese komplett ohne Interventionen gebären.


Interventionskaskade:
Jede Intervention ist Stress für Mutter und Kind. Interventionen fordern meist weitere Interventionen und enden häufig mit einem gestressten Kind mit schlechten Herztönen und nicht selten in einem daraus "nötigen" Kaiserschnitt. (Interventionskaskade)
Zumeist wäre das alles nicht nötig, wenn beiden einfach nur genügend Zeit gelassen werden würde.
Ja. Manchmal sind Intervention wirklich notwendig. Und wir sind dankbar dafür, da es Leben retten kann wo es kritisch wird.
Das ist aber sehr selten der Fall.

Viel häufiger wird einfach viel zu schnell in den physiologischen Ablauf der Geburt eingegriffen und somit dem Intervenieren Tür und Tor geöffnet wo es nicht notwendig gewesen wäre.



Selbstbestimmt gebären:

Frauen können in der Regel selbstbestimmt und ohne Hilfe von außen ihr Kind gebären.
Die Geburtshilfe würde gut daran tun Frauen für und in der Geburt zu stärken und sie so eine selbstbestimmte Geburt erleben lassen zu können. 
Dafür gibt es Hebammen. In unseren Breiten ist der Berufsstand Hebamme schon fast in Vergessenheit geraten.
Dabei ist es eigentlich die Hebamme die der professionelle Fachmann für eine physiologische Geburt ist.
Deswegen ist jede Frau gut beraten sich schon zeitig in der Schwangerschaft eine Wahlhebamme zu suchen. Sie wird euch durch die Schwangerschaft begleiten, euch Unsicherheiten und Ängste nehmen, euch eine möglichst gute Geburtsvorbereitung angedeihen lassen und euch natürlich bei der Geburt bestmöglich unterstützen.
Wenn ihr euch gegen eine Wahlhebamme entschieden habt besprecht mit dem Krankenhaus die anstehende Geburt und gebt einen Geburtsplan mit euren Bedürfnissen für die Geburt ab.


Fragen an das Krankenhaus:
Welche Kaiserschnittrate hat das Krankenhaus, wie und wie häufig intervenieren sie, wie viel Zeit lassen sie euch, wann sprechen sie von einem Geburtsstillstand und was sind die Folgen daraus, könnt ihr frei eure Geburtsposition wählen, ab wie viel Tagen über dem Geburtstermin soll eingeleitet werden, aus welchem Grund und womit, ...

Bedenkt immer. Ihr seid selbstbestimmt und Krankenhausstandards unterscheiden sich zwischen den Krankenhäusern enorm. Das eine Krankenhaus lässt einem 4 Tage über ET gehen und das andere 12 Tage. Ihr seht, es gibt nicht DAS richtige Vorgehen.

Das richtige Vorgehen ist das, welches sich für euch gut und stimmig anfühlt. Eine Mami weiß genau ob es ihrem Bauchzwerg gut geht und sie eine Einleitung erstmal dankend ablehnen kann.


Eine Geburt ist etwas ganz Besonderes. Wenn man Mütter fragt berichten sie einem, dass die Geburt das schönste Ereignis in ihrem Leben war.
Es ist ein gewaltiges, mächtiges Erlebnis, etwas was man mit nichts anderem vergleichen kann.
Ja. Eine Grenzerfahrung. Doch man wird mit dem schönsten Wunder des Lebens belohnt. Mit seinem Kind.

Fotos: Danke an Svenja und Tim. Durch diese wunderschönen Bilder habt ihr uns an eurer Hausgeburt von eurem Wunder Ida teilhaben lassen.